Wohin mit dem verstrahlten Opa?

Wohin mit dem verstrahlten Opa?
Wien ist anders!

Mittwoch, 1. März 2017

Wien wird schlechter gemacht als es ist: ein Abschluss

Nach sechs Jahren Wien bin ich nun nach Salzburg übersiedelt. Die Wiener Alltagsbeobachtungen gehen damit zu Ende. Strenggenommen gab es sie auch nie, denn ich habe immer wieder auch zur Politik allgemein gebloggt. Ich möchte dennoch eine Art Résumée verfassen, denn ich fühle mich zu dieser Klarstellung genötigt.

Ich kann nur mutmaßen, woher die Ablehnung Wiens kommt. Naturgemäß von denen, die am Land leben und nie in einer Großstadt aufgewachsen sind. Dazu muss man wissen, dass die demographische Verteilung in Österreich gänzlich anders als in Deutschland ist, wo es dutzende kleinere Großstädte gibt.

Ein kurzer Vergleich:

Deutschland hat ...

4 Städte mit > 1 000 000 Einwohner (Köln, München, Hamburg, Berlin)
10 Städte mit > 500 000 Einwohner
25 Städte mit > 200 000 Einwohner
39 Städte mit > 100 000 Einwohner

Österreich hat ...

Wien (1 800 000 Einwohner)

und 4 Städte > 100 000 Einwohner (Graz, Linz, Salzburg, Innsbruck)

weitere 82 Städte haben über 10 000 Einwohner.

In Wien wiederum sind rund 700 000 der Bewohner Ausländer, das sind knapp 40 % (Stand 2016), in Wien leben also nur ein 1/8 der österreichischen Bevölkerung. Und es sind ebenjene österreichische Nichtwiener, die mir das Gefühl geben, es sei anderswo grundsätzlich besser als in Wien. 

Wien hat ein hervorragend ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz. Der Teufel steckt manchmal im Detail, aber ich suderte oft auf hohem Niveau. In kleineren Städten sind die Intervalle wesentlich länger, aber nirgends ist es so günstig wie in Wien. In Stuttgart (630 000 Einwohner) kostet ein Jahresticket ab 647 € aufwärts, in Wien nur 365 €. In Innsbruck und Salzburg ist es teurer, in Graz deutlich günstiger. In Summe kann man sich nicht beklagen.

Ich wurde auch darauf hingewiesen, dass ich als Salzburger nun wesentlich mehr Möglichkeiten hätte, in die Berge zu gehen. Es stimmt, dass ich nun höhere Berge vor der Haustür habe. Doch hat alles seine Vor- und Nachteile.

Von Wien aus war ich öffentlich schnell in den Hundsheimer Bergen im Osten, im Wienerwald, ohne die Stadt verlassen zu müssen, mit der Westbahnstrecke rasch in den Voralpen, mit zwei Stunden Anreise in den Ybbstaler Alpen, mit drei Stunden in den Oberösterreichischen Voralpen. Mit eineinhalb Stunden am Schneeberg und am Semmering sowie am Wechsel. In einer Stunde hatte ich die Gutensteiner Alpen erreicht. In zwei bis drei Stunden das Steirische Hügelland mit guter S-Bahn-Anbindung ins Murtal, und zu den Eisenerzer Alpen (z.B. Reiting-Stock). Als Öffi-Fahrer ist es praktisch, wenn man Überschreitungen vorhat und nicht wie Autofahrer wieder zum Ausgangspunkt zurückmuss. In Puchberg am Schneeberg genoss ich regelmäßig die Wartezeit im Zahnradbahnstüberl, wenn ich den Zug verpasste und eine Stunde warten musste. Ich konnte noch ein Bierchen trinken und metaphorisch im Zug die Füße hochlegen, in Wanderkarten schmökern und in den Erinnerungen, ohne mich auf den Straßenverkehr konzentrieren zu müssen.

Ich ging viele unmarkierte Steige, war teilweise weglos unterwegs und besuchte bei schlechtem Wetter aussichtslose Waldgipfel, und hatte dafür überraschende Tierbegegnungen, sah Steinböcke zwei Meter vor mir und begegnete mehrfach Auerhühnern. 

In den Gutensteiner Alpen und im Wienerwald kann man ganzjährig ohne Gefahr unterwegs sein, muss sich nicht um die Lawinengefahr kümmern und ist großteils in harmlosen Gelände unterwegs. Daneben ist es auch kulturell interessant, aber auch botanisch mit Naturdenkmälern und dem Übergang zur Pannonischen Flora und Fauna. In der Wachau sah ich zudem Smaragdeidechsen und bestaunte uralte Kirchen und Granitbklöcke mit Klettereinlagen.

In den "richtigen" Bergen Salzburgs muss ich bis ins Frühjahr hinein mit der Lawinengefahr auseinandersetzen, mit Altschneefeldern in ausgesetztem und steilem Gelände. Manche Gipfel sind nur in einem kurzen Zeithorizont zwischen Juli und September ohne zusätzliche Ausrüstung begehbar, nachdem der Altschnee vollständig abgetaut ist. Im Salzburger Land mit Ausnahme des Lungaus sorgt der Nordstau öfter für Niederschläge und schlechte Sichten als am Alpenostrand, wo sich häufiger die Sonne zeigt und Schlechtwetter mit Verspätung ankommt. Das Gewitterrisiko ist in den nördlichen Gebirgsgauen wesentlich höher als in den Voralpenregionen Niederösterreichs. Zwar gibt es weniger Tagesganggewitter als etwa in der Semmering-Rax-Schneeberg-Wechsel-Region oder im Steirischen Hügelland, dafür häufiger schwere Frontgewitter von Westen kommend, häufig mit Murenabgängen etwa im Pinzgau sowie Großhagel und Orkanböen. Das Zeitfenster vor Frontdurchgängen ist damit kürzer, man sollte früher wieder unten sein. Ich habe mich zumindest seit dem verregneten Sommer 2014 an Schlechtwetterwanderungen gewöhnt, und Matsch unter den Bergschuhen macht mir nichts mehr aus. Höhere Berge bedeutet zudem, dass man seine Wasservorräte gut einteilen sollte, mitunter mehr Proviant und wärmere Kleidung mitschleppen muss.

Richtige Berge haben also auch Nachteile. Ich nehme meine Liebe zu den Gutensteiner Alpen jedoch mit nach Salzburg. Das bedeutet, mich interessieren hier auch jene Ziele, die für "echte" Bergsteiger keine Berge sind: Niedrige Voralpengipfel und scheinbar uninteressante Waldgipfel. Mich interessiert auch weiterhin die Kultur, es gibt viele schöne Altstädte im Umkreis von Salzburg, auch in Bayern.

Mit Auto hätte ich natürlich eine größere Reichweite, aber ich versuche es so lange wie möglich ohne. In Wien hatte ich das Glück, mit Wanderern mit Auto unterwegs sein zu können. So teilten wir uns die Ziele auf und besuchten mit Auto jene Ziele, die ich ohne Auto schwer oder gar nicht erreichen konnte.

Aus Berggehersicht ist Wien für mich also nicht schlechter oder besser als Städte, die näher an den "richtigen" Bergen gelegen sind. Es ist alles eine Frage der Perspektive bzw. der persönlichen Vorlieben. Wenn man alleine unsicher ist bzw. nicht ganz schwindelfrei, sind niedrigere Berge kein Nachteil.

Bezüglich Sicherheit ein Kommentar: Ich habe mich bisher in keiner Stadt so sicher gefühlt wie in Wien, auch alleine, auch nachts. Das ist leider auch ein Privileg als Mann, viele Frauen berichten das Gegenteil. In Innsbruck hatte ich wesentlich mehr ungute Erlebnisse als in Wien, in Salzburg sind wesentlich mehr testosterongesteuerte Burschen unabhängig der Herkunft in den Bussen unterwegs und verstärken die innere Unruhe. Man merkt eben auch hier den dörflichen Einfluss stärker. Wie gesagt, es hängt auch viel davon ab, wo die eigenen Grenzen gesetzt sind und wie man mit Menschen umgehen kann. Autofahrern ist das Verhalten junger Menschen in den öffentlichen Verkehrsmitteln naturgemäß egal.

Beizeiten schreibe ich an anderer Stelle noch mehr über mein Leben in Wien. Bis dahin muss dieser Text vorläufig genügen.