Wohin mit dem verstrahlten Opa?

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Wien ist anders!

Freitag, 12. August 2016

Sudern auf hohem Niveau: Öffentliche Verkehrsmittel in Österreich

Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden, das vorab. Ich hab den Vergleich zu deutschen Großstädten, mit überteuertem Nahverkehr, den Vergleich zur Deutschen Bahn, mit kaputten Zügen (v.a. Toiletten) und dem Tarifsystem, das nach Zeit, nicht nach Kilometern abrechnet (d.h. IC und ICE sind teurer als Regionalzüge, während man mit einem Ticket in Österreich alle Züge benutzen kann). Das Wienerlinien-Netz wird auch von Touristen immer wieder gelobt. Man kommt überall hin. Nachts ist man zwar mit dem Taxi besser aufgehoben als mit umständlich fahrenden Nachtbussen, aber darauf bin ich zum Glück kaum angewiesen.

Meine Kritik auf hohem Niveau richtet sich eher an Nachholbedarf, was Barrierefreiheit betrifft. Das kann ich in vier Bereiche gliedern:

1. Beschilderung 

An manchen U-Bahn- und S-Bahn-Haltestellen gehe nicht nur ich immer wieder in die falsche Richtung, bis ich den richtigen Ausgang finde, z.B. am Karlsplatz, wo nicht nur die U1-Aufgänge besser ausgeschildert sein könnten, sondern auch der Aufgang zum Karlsplatz von der derzeitigen U2-Endstation etwas verschachelt ist. Am Südtiroler Platz, nun Haupthahnhof, verirrt man sich leicht in den vielen dead ends von Zwischengängen, deren Sinn ich bis heute nicht verstanden habe. Positiv finde ich übrigens durchaus die längere Wegstrecke zu den Gleisen alleine deshalb, weil die wenigen Rolltreppen zur U1 hinab zu wenig Kapazität hätten, um unmittelbar hunderte Fahrgäste aufzunehmen. Ein Nachteil ist die Wegstrecke hingegen bei knappen Verbindungen am frühen Morgen oder späten Abend, wenn die Öffis generell im 15-Min-Takt verkehren, aber man den ersten Flieger am Flughafen erwischen will, oder den ersten Zug sonstwohin. Da gehen sich bei etwa fünf Minuten Umsteigezeit von U1 auf den Zug die rund 400 m Strecke einfach nicht aus bzw. nur sehr knapp. Und der Klassiker ist die Ankunft am Bahnhof Meidling mit der S-Bahn oder dem Railjet. Ich bin beim Aussteigen auch nach dem hundersten Mal verwirrt, in welche Richtung ich zur U-Bahn absteigen muss. Warum kann man nicht ein paar große Schilder aufhängen, wo "Zur U-Bahn" steht?

Zeitweise vorbildlich gemacht sind die Beschilderungen, wenn größere Kongresse in Wien stattfinden. So müsste es immer sein. 

2. Monitoranzeigen 

Die Wiener Linien experimentieren schon seit längerem mit neueren Monitoranzeigen, wo mehrere Züge auf einem Blick angezeigt werden können und man sofort sieht, ob bzw. wann die nächste barrierefreie Niederflurbahn kommt. Denn aktuell ist es ein Graus, gerade am Karlsplatz ist auf den Anzeigen nur Platz für drei Linien, es fahren dort aber vier Linien ab (D, 1,2, 71), d.h., man muss immer warten, wann die nächste Linie auftaucht, sieht aber nicht sofort, ob es sich um die alte oder eine neue Garnitur handelt. Im Hochsommer wäre außerdem eine Anzeige günstig, die klimatisierte Linien sofort anzeigt. Auch an vielen anderen Haltestellen wäre es unendlich praktischer, wenn auf einem Blick alle Linien angezeigt würden, so wie man es unterirdisch bei der Opernpassage kurz vor dem U1-Abgang bereits realisiert hat.

3. Technische Barrierefreiheit

Mal davon abgesehen, dass es immer noch zu viele alte Straßenbahn-Garnituren gibt, die nicht barrierefrei sind, und die erste Generation der Niederflurbahnen zwar obskure Schießschartenfenster aufweist, aber keine Klimaanlage (welchem Konstrukteur wurde da ins Hirn geschissen?), fehlt es auch zum Teil an ausreichend Liftanlagen, wie ausgerechnet am Stephansplatz. Das Rollifräulein hat vor kurzem dazu gebloggt, warum sich Inklusion auch ohne Behinderung lohnt, und es liegt auf der Hand, warum es hier genauso zutrifft: Barrierefreie Zugänge und Fahrzeuge helfen genauso Eltern mit Kinderwagen, vor allem, wenn sie alleine unterwegs sind, älteren Menschen, Gehbehinderten (nicht nur Rollstuhlfahrern) und auch den Radfahrern. Die Gesellschaft altert, Unfälle und Erkrankungen passieren eben und das Thema Barrierefreiheit geht uns alle an.
In zunehmendem Austausch befinden sich zum Glück auch die alten S-Bahn-Garnituren, deren Türen manchmal lebensgefährlich sind, wenn sie sich schließen, bevor man mit Kinderwagen oder Radl eingestiegen ist.

Ja, ich weiß. Ich finde manche älteren Straßenbahngarnituren bequemer, besonders jene, wo man jeweils am Wagenende genügend Stehfläche hat. Leider wurde meine Stammlinie, der 2er, inzwischen völlig auf eine andere ältere Garnitur umgestellt, wo es keine Stehflächen gibt, sodass man bei vollbesetzten Sitzplätzen IMMER, ÜBERALL UND STÄNDIG im Weg steht. Das macht mich so dermaßen unrund, dass ich dann lieber mit der nächsten Niederflurbahn fahre, wo man wenigstens ganz vorne nicht im Weg steht.

Ich finde auch die alten S-Bahn-Garnituren mit ihren Couchsesseln bequemer. Man kann sich so richtig hineinfallen lassen, ein Nickerchen machen und mag gar nicht mehr aufstehen. Aber meine private Bequemlichkeit steht hinter der Barrierefreiheit. Immer. 

4. Durchsagen bei Zwischenfällen

Ich fahre viel und meistens gerne mit der ÖBB. Mir ist allerdings schon öfter aufgefallen, dass bei unerwarteten Vollbremsungen, längeren Zwischenstops oder ungeplanten Zugausfällen mit Ersatzgarnituren schlicht und einfach die Durchsagen fehlen. Und zwar einerseits auf Deutsch, was schon ärgerlich genug ist, aber in Hochgeschwindigkeitszügen auch auf Englisch. Fragende Touristengesichter schauen mich an. Einmal vor Weihnachten auch ängstliche Flüchtlingsgesichter. Der ICE entpuppt sich als Regionalzuggarnitur, weil der ICE kaputt ist. Alle fragen sich, ob das der richtige Zug ist, sie finden ihre reservierten Plätze nicht, weil es das im Regionalzug nicht gibt. Durchsagen gibt es keine. Wir hilfsbereiten Fahrgäste übernehmen die Arbeit der Zugbegleiter und klären die verunsicherten Reisenden auf, dass sie sich durchaus im richtigen Zug befinden, aber erst an einem anderen Bahnhof in die richtige Garnitur umsteigen können. Zuletzt passierte es zwischen Krems und Wien auf der Franz-Josefs-Bahn. Die Baustellen und dadurch Verzögerungen waren zwar angekündigt, aber wir summierten bis zu 40 min Verspätung. Keine Durchsagen, nichts. Ich persönlich hätte viel mehr Verständnis und könnte mich besser auf die Situation einstellen, wenn es eine erklärende Durchsage gäbe. Das lässt die Verspätung nicht verschwinden, aber man kann sich darauf einstellen. In den meisten Fällen gibt es ja auch nachvollziehbare Gründe. So bleibt mächtig Groll und das zunehmende Bedürfnis, sich doch ein Auto anzuschaffen.

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Neben der Barrierefreiheit ist sonst gelegentlich die Erreichbarkeit von Anschlüssen heikel, etwa die zwei Minuten Umsteigezeit auf den Anschlussbus (z.B. von Melk Richtung Ottenschlag, Wachau, oder in Puchberg Richtung Losenheim Sessellift), oder auch sonst recht knapp bemessene Umsteigezeiten. Und traurig natürlich die Aufgabe zahlreicher Regionalbahnen in Niederösterreich, denn mit dem Ersatz durch sporadischen Busse fällt auch bike & hike weg. Aber das Infrastrukturproblem ist ein größeres politisches. Denn Kaiser Pröll kümmert sich vor allem ums Industrieviertel, wo die Verbindungen sehr gut sind, während es in den übrigen Vierteln Landflucht vorherrscht. Magere öffentliche Anbindungen helfen auch dem Tourismus nicht auf die Beine. So konzentriert sich alles auf Wien bis zum Semmering, wobei die Semmeringregion auch noch stärker leiden wird, wenn der Tunnel fertig ist.