Wohin mit dem verstrahlten Opa?

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Wien ist anders!

Dienstag, 7. Juli 2015

Autismus

Vorwort:

 

Autismus ist nicht Rain Man - für diesen Film wurde Kim Peek, ein Savant verfilmt.Weltweit sind rund 50 Menschen mit Savant-Syndrom bekannt, das eine ausgeprägte Inselbegabung darstellt, also Kalender rechnen, tausende Nachkommastellen von Pi aufsagen, Bücher auswendig können nach nur einmal lesen, eine Großstadt nachzeichnen durch Überfliegen mit dem Helikopter, etc. Nicht zu verwechseln ist das mit Spezialinteressen, die als ein Autismus-Symptom gelten.

Die Innenansicht der Autisten wird selten betrachtet, weil Autisten selten zu Wort kommen.
Autismus ist keine Krankheit, sie kann auch später nicht erworben werden (man kann nicht an Autismus erkranken).
Autismus entsteht nicht durch Impfschäden oder Erziehungsfehler, auch nicht durch Umweltgifte oder falsche Ernährung.
Autismus ist großteils genetisch bedingt.
Autistische Kinder werden erwachsen. Erwachsene Autisten werden alt.


Manche Autisten bezeichnen sich als behindert, andere nicht.

Was ist Autismus?


Ian Ford ist selbst Asperger-Autist und hat eine präzise Autismus-Definition aus seiner Sicht geschaffen1:

Die zentralen Eigenschaften von Autismus sind eine


  • ungefilterte Wahrnehmung, bei der Sinnesreize, aber auch Gefühle intensiver wahrgenommen werden. Die Sinnesreize und motorische Fertigkeiten sind bei allen Autisten unterschiedlich betroffen.
  • geringere kulturelle Anpassung, also eine geringere Abhängigkeit zur Sprache
  • höhere geistige Unabhängigkeit und nicht dem Herdentrieb folgend (negativ: schwieriger, unabhängig zu leben, positiv: selbständiges denken und Spezialinteressen entwickeln)
Viele Symptome sind Folgen der ungefilterten Wahrnehmung (auch Reizfilterschwäche genannt), etwa Schaukeln, Flattern mit den Händen, Wippen, Pfeifen, aber auch Musik hören, sich drehende Objekte beobachten (Windräder, Ventilatoren), dem prasselnden Geräusch von Regen lauschen.

Nach dem allgemeinen Verständnis von Autismus gibt es keinen Unterschied zwischen kultureller Anpassung und Sozialisierung. Es wird behauptet, Autisten hätten soziale Defizite. In Wahrheit haben Autisten die gleichen, wenn auch nicht so intensiv, Bedürfnisse wie Nichtautisten auch. Ein Beispiel für kulturelle Unterschiede: In den USA gilt Blickkontakt als angemessen, in asiatischen Ländern als unhöflich. Dennoch zählt fehlender Blickkontakt zu den Symptomen von Autismus.

Ein weiteres Klischée ist die mangelnde Empathiefähigkeit. Hier muss man unterscheiden zwischen der kognitiven Empathie (Gefühle beim anderen erfassen können) und affektiver Empathie (Gefühle selbst empfinden und ausdrücken). Autisten haben häufiger Schwierigkeiten mit der kognitiven Empathie, können aber sehr wohl auch mit dem anderen mitfühlen, Schmerz empfinden und vor allem soziale Ungerechtigkeiten erkennen und sich sehr dagegen engagieren.

Vor allem Autistinnen neigen tendenziell eher zur Hochsensibilität (eine Art sechster Sinn) und zur Überempathie. Tatsächlich sind Autistinnen und Autisten eher damit konfrontiert, dass sich ihr nichtautistisches Umfeld nicht an ihre Stelle versetzen kann und mit Ignoranz oder Verständnislosigkeit reagiert.

Sehr eindrucksvoll beschrieben hat das der frühkindliche, nichtsprechende Autist Birger Sellin in seinem Buch "Ich will kein inmich mehr sein", der sagt, dass er sehr wohl Gefühle habe, Schmerz empfinde, "wie normale Menschen auch", aber diese verbal nicht artikulieren könne. Frühkindliche Autisten (Kanner-Autisten) werden oft für geistig zurückgeblieben gehalten, was aber nicht der Wahrheit entspreche. Ihn ärgere es besonders, wenn sich in seiner Gegenwart Angehörige und Betreuer unterhalten, als ob er nichts mitkriege.

Innenansicht versus Außenaussicht


Häufig wird Asperger-Autismus als eine milde oder leichte Form von Autismus bezeichnet. Diese Annahme beruht vor allem aus der Außenansicht durch Nichtautisten. Jemand, der nicht verbal kommunizieren kann, bei jeder Berührung schreit, nicht selbständig leben kann und heftig schaukelnd in der Ecke sitzt, wird als schwer von Autismus betroffen bezeichnet.

Der Schweregrad von Autismus kann folgendermaßen verstanden werden:

  • erscheint untypischer?
  • schwerer beeinträchtigt im Alltag oder benötigt mehr Hilfe (wobei Bedarf an Hilfe keine Eigenschaft einer Person ist)?
  • hat weniger Kompensationen entwickelt (= fällt nach außen hin deutlicher als Autist auf als andere)?
Manche Autisten brauchen mehr Hilfe als andere, weil sie mit ihren Spezialinteressen kein Geld verdienen können, oder weil sie körperliche Einschränkungen aufweisen, die nichts mit Autismus zu tun haben. Nonverbale Autisten können sich der Umwelt schwerer mitteilen als andere, während verbale Autisten unter ständigen Missverständnissen leiden - im Kern haben beide Kommunikationsschwierigkeiten, die den Alltag beeinträchtigen, sofern das Umfeld keine Rücksicht übt. Verbale, "hochfunktionale" Autisten, die nach außen hin weniger auffallen, wird zudem mehr zugemutet - von ihnen wird erwartet, "normal" zu sein, was zu Depressionen führen kann, weil man den Erwartungen von außen nicht gerecht werden kann.
 

Was verursacht Autismus?



Meist ist die genaue Ursache unbekannt. Am wahrscheinlichsten ist eine genetische Ursache durch das Zusammentreffen mehrerer Gene bzw. Genmutationen (multiple-hit-Theorie). Das kann zufällig geschehen oder vererbt werden. In einer geringeren Anzahl hat man bestimmte Autismus-Gene identifiziert bzw. sind bestimmte Gene auf den X- und Y-Chromosomen die Ursache bzw. erhöhen überzählige Chromosomen (z.B. bei XXX oder XXY) die Wahrscheinlichkeit für Autismus. Manche Forscher vermuten einen Zusammenhang zwischen Autismus und Sexualhormonen, da der Hormonhaushalt bei Autisten häufiger Abweichungen aufweist.


Autistische Denkweisen


Nach der Ansicht von Temple Grandin, einer führenden Viehzuchtforscherin und Autistin, gibt es drei Typen von Denkern:

  • Denken in Wort und Schrift:  so denken die meisten Menschen, z.B. Journalisten, Übersetzer, Bibliothekare, Buchhalter, Historiker, Juristen oder Schriftsteller
  • Denken in Bildern: z.B. Architekten, Fotografen, Grafiker, Designer, Landschaftsplaner, Automechaniker oder Meteorologen
  • Denken in Mustern und Strukturen: z.B. Elektriker, Forscher, Chemiker, Mathematiker, Statistiker, Musiker, Ingenieure oder Programmierer
In der IT und in den Naturwissenschaften allgemein vermutet man die meisten Autisten, weil Programmiercode interpretieren und schreiben klassisches Musterdenken ist. Das erklärt auch den vermuteten höheren Männernanteil unter den Autisten.

Darüberhinaus findet man aber auch viele visuelle Denker unter den Malern und Fotografen. Ebenso gibt es Literaturwissenschaftlerinnen (Gabrijele Mecky Zaragoza), Schauspieler (Dan Akroyd) und Schauspielerinnen (Daryl Hannah), Autorin und Sängerin (Rudy Simone) unter den Berufen von Autisten und Autistinnen, oder man trifft man auf Comiczeichnerinnen (Daniela Schreiter), Journalistinnen (Denise Linke) u.v.m.

Spezialinteressen


Meiner Erfahrung nach trifft man unter Autisten einen höheren Anteil an Autodidakten als in der sonstigen Bevölkerung. Das hängt vermutlich mit der anderen Wahrnehmung und dem Fehlen sozialer Kontakte zusammen. Autisten sind häufiger alleine (nicht zwingend einsam), haben mehr Zeit, sich mit ihren Spezialinteressen zu beschäftigen, achten stärker auf Details und können so in kurzer Zeit enormes Wissen anhäufen.

Manche Spezialinteressen wechseln, manche bleiben das ganze Leben. Manche machen es zum Beruf (z.B. die Leidenschaft zur Bahn und verschiedene Loktypen), andere belassen es als eine Möglichkeit, sich vom stressigen Alltagsleben zu erholen.

Manche Autisten sprechen vom sogenannten Flow oder Hyperfokus. Wenn sie so in ihr Spezialgebiet bzw. Tätigkeit versunken sind, dass sie durch nichts abgelenkt werden, hochkonzentriert bei der Sache sind und in kurzer Zeit eine Menge (er)schaffen können. Im Flow-Zustand kommen außerdem Körper und Geist zur Ruhe. Manche entspannen daher erst dann, wenn sie etwas erschaffen, wenn sie in Aktion sind.


Also macht wohlgemeinte friedhofsruhe mich unruhig Aber action macht mich stiller
(Birger Sellin)

Das Spezialinteresse übertrifft das Hobby in der Intensität und Priorität. Lieber eine Party oder sonstiges Zusammentreffen weniger, und einen Abend länger in seinem Lieblingsbereich tätig sein. Das bedeutet aber - anders als von außen wahrgenommen - nicht weniger Lebensqualität. Und Autisten mit gleichen Spezialinteressen können sich durchaus sehr angeregt darüber unterhalten, genauso Spaß an einer Feier haben - wenn man Smalltalk überspringen und die Reizüberflutung verringern kann.

Schlusswort:


Wenn Du einen Autisten kennst, kennst Du genau EINEN Autisten!

Bei Autismus handelt es sich um ein Spektrum, oder vielmehr um eine Landschaft, mit großer individueller Vielfalt. Bei den vielfältigen Symptomen für Autismus findet man für jedes Symptom einen Autisten, der dieses nicht hat oder bei dem wesentlich schwächer ausgeprägt ist.

Wenn ihr einen Autisten kennt und bei ihm charakteristisches autistisches Verhalten bemerkt, bedeutet das noch lange nicht, dass ein anderer, der dieses Verhalten nicht zeigt, kein Autist sein kann.

Weiterführende Literatur



  • 1: Ian Ford - A Field Guide to Earthlings. An Autistic/Asperger View to Neurotypical Behavior
  • Temple Grandin and Richard Panek: The Autistic Brain. Exploring the Strength of a different kind of mind, 2013
  • Rudy Simone, Asperger’s on the Job, Must-have advice for people with Asperger’s or High Functioning Autism and their Employers, Educators and Advocates
  • Daniela Schreiter - Schattenspringer. Wie es ist, anders zu sein. Panini Verlag, 2014
  • Gabrijela Mecky Zaragoza – Meine andere Welt. Mit Autismus leben. Vandenhoeck & Ruprecht, 2012
und wer es wissenschaftlich mag:
  • Baron-Cohen S., The Extreme Male Brain Theory of Autism, Trends in Cognitive Sciences, 6(6), June 2002, 248-254
  • Baron-Cohen S., Is Asperger’s Syndrome/High-Functioning Autism necessarily a disability?, Invited submission for Special Millennium Issue of Developmental and Psychopathology Draft: 5th January 2000
  • Lorenz and Heinitz: Aspergers – Different, Not Less: Occupational Strengths and Job Interests of Individuals with Asperger’s Syndrome, PlosOne, 9(6), Juni 2014













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